Pünktlich kam ich aus dem Büro und eilte direkt zum Verein. Anja war schon da und hatte unser Boot weitgehend zum Ablegen vorbereitet. Auch Tobias und Benedikt warteten darauf, dass es endlich losging. Der Urlaub konnte beginnen. Also Leinen los, Rückwärtsgang rein und raus. Ausgekuppelt, Fahrt voraus und … nichts.
Der Motor lief, aber vorwärts ging es nicht. Schnell war klar, dass unser Urlaub bereits nach wenigen Metern eine erste Pause einlegen würde. Der Bowdenzug der Schaltung war gerissen. Ohne jede Vorwarnung hatte er nach rund 20 Jahren treuem Dienst beschlossen, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt für seinen Ruhestand gekommen war. Zum Glück hatte ich einen passenden Ersatzzug an Bord. Also Werkzeug raus und ran an die Arbeit. Etwa anderthalb Stunden später war der neue Zug eingebaut. Schmutzig, verschwitzt, aber mit funktionierender Schaltung konnte es endlich losgehen. So leicht lasse ich mich schließlich nicht vom Urlaub abhalten! Und dann ging es tatsächlich los. Zunächst waren Anton, Tobias und Benedikt mit an Bord. Gemeinsam sollte es Richtung Stettin gehen, wo Anja mit Lotti und Jakob dazustoßen und unsere beiden Gäste Tobias und Benedikt ablösen würde.
Die ersten Etappen führten uns über die bekannten Gewässer und dann in Richtung Schleuse Lehnitz. Gerade dieser Teil der Reise hat seinen eigenen Reiz. Man ist noch nicht weit weg, merkt aber mit jedem Kilometer, dass Berlin weiter zurückbleibt und aus einem Ausflug langsam eine richtige Reise wird. Die Schleuse Lehnitz erreichten wir kurz nach Feierabend des Schleusenwärters. Also blieb uns nichts anderes übrig, als direkt vor der Schleuse zu übernachten. Am nächsten Morgen, kurz nach sechs, stand ich mit dem ersten Kaffee in der Hand an Deck und konnte es kaum erwarten, weiterzukommen. Also funkte ich die Schleuse an: „Nur so für die Frühstücksplanung: Wann dürfen wir denn durch?“ Die Antwort kam prompt und kurze Zeit später standen wir in der etwa sechs Meter hohen Schleuse. Auch am Schiffshebewerk Niederfinow mussten wir nicht lange warten. Anton stand staunend an Deck und filmte das gigantische Bauwerk, während wir langsam herunterfuhren. Und dann machte es plötzlich: Plumps. Das Handy war über Bord. Vielleicht dreht es heute noch seine tausendste Runde irgendwo im Trog des Schiffshebewerks. Die Tränen trockneten jedenfalls nur langsam. Gegen 19 Uhr machten wir in Schwedt fest und spätestens beim Apollon-Teller und ein paar Ouzo war die Welt wieder weitgehend in Ordnung.
Von hier aus war es dann nur noch ein kleiner Sprung bis nach Stettin. Dort angekommen, haben wir noch der Mast gestellt. Danach hatten wir uns Burger mit Blick auf die Hakenterrassen verdient. Klingt nach Stress? Ja. Ich war definitiv urlaubsreif. Die Kinder setzten sich allerdings auch diesmal durch und so verbrachten wir den nächsten Tag nicht auf dem Wasser, sondern auf dem Jahrmarkt und in der Altstadt von Stettin. Doch am nächsten Morgen ging es endlich richtig los. Nach etwa einer halben Stunde unter Motor konnte ich zunächst die Genua dazunehmen. Kurz darauf frischte der Wind auf und auch der Motor hatte sich seinen Urlaub verdient. Unter Vollzeug verließen wir die Oder und segelten zunächst gemütlich über das Große Haff. Schließlich drehten wir Richtung Deutschland ab. Wie vorhergesagt frischte der Wind im Laufe des Tages weiter auf. Am Abend waren wir im zweiten Reff unterwegs und erreichten zeitweise beinahe sieben Knoten.
Unser Ziel war Mönkebude, ein Hafen, den wir bereits aus früheren Urlauben kannten. „Hallo Hafenmeister, zehn Nächte bitte.“ Er sah auf und grinste. Warum gleich zehn Nächte, fragt sich an dieser Stelle vielleicht der eine oder andere. Dafür gab es einige Gründe. Für die kommenden Tage waren Regen und kräftiger Wind angesagt. Von unserem Liegeplatz waren es keine fünf Minuten bis zum Strand und auch unsere Freunde von der Kanalfahrt hatten sich dort einquartiert. Mama Ulrike und Bruder Justus wohnten in einer Ferienwohnung direkt am Hafen. Also blieben wir. Und die Tage vergingen wie im Flug. Die Kinder spielten, badeten und angelten mit einem Jungen vom nahe gelegenen Campingplatz. Das wenig hochsommerliche Wetter war zwischendurch dann doch immer wieder ganz schön und Mönkebude wurde für einige Tage zu unserem kleinen Urlaubszuhause. Am vorletzten Mittag schaute ich wieder auf die Wetterapp und dachte: Hups. Heute Windstärke drei, in Böen fünf, und das auch noch aus der richtigen Richtung. Über Nacht sollte der Wind drehen und am nächsten Tag genau von dort kommen, wo wir hinwollten. Die Entscheidung fiel schnell: Leinen los und bye bye Mönkebude! Es war sicher nicht unser letzter Besuch, aber die Kinder freuten sich inzwischen viel zu sehr auf Swinemünde.
Dass wir erst am Mittag loskamen, bedeutete, dass wir Swinemünde erst in der abendlichen Dämmerung erreichten. Dafür begann das Programm am nächsten Morgen umso früher. Erst ging es in den Kletterpark, danach an den Strand und endlich zum Jetskifahren. Anschließend wollten die Kinder noch einmal in den Kletterpark, weil es beim ersten Mal offenbar noch nicht gereicht hatte. So wurden die Tage in Swinemünde noch einmal deutlich actionreicher. Nach den ruhigen Tagen in Mönkebude war das ein schöner Kontrast und vor allem die Kinder kamen voll auf ihre Kosten. Und dann ging es plötzlich viel zu schnell. Schwuppdiwupp mussten wir wieder nach Hause.
In Swinemünde wurde noch einmal vollgetankt und reichlich Proviant gebunkert. Unser erstes Ziel auf dem Rückweg war Ziegenort. Auf dem Haff bekamen wir noch einmal schönen Wind, der uns bis in die Dämmerung hinein voranschob. Noch am selben Abend legten wir den Mast und am nächsten Morgen ging es bei Flaute und bewölktem Himmel weiter Richtung Heimat. Bereits am frühen Morgen kam uns einer dieser riesigen Hochseepötte in die Quere. Oder besser gesagt: Wir kamen offenbar ihm in die Quere. Jedenfalls war dessen Kapitän der Meinung, mit seinem Horn mehrfach einen Eindruck machen zu müssen. Er hupte uns an, als dürften wir dort überhaupt nicht fahren. Ins Schilf drängen lassen wollte ich mich allerdings auch nicht. Also wich ich nach Backbord aus und ließ ihn mit reichlich Abstand an Steuerbord vorbeiziehen. Ich weiß bis heute nicht, was der eigentlich von uns wollte. Aber Schwamm drüber. Wenig später überholte uns ein noch deutlich größerer Pott. Diesmal ganz so, wie es sich gehört, mit genügend Abstand und ohne den Versuch, unser winziges Segelboot mit dem Nebelhorn zu versenken.
Je weiter wir Richtung Berlin kamen, desto schneller änderte sich die Landschaft. Auch die Seeschiffe wichen den Binnenschiffen und am Abend erreichten wir Oderberg. Am nächsten Morgen ging es noch vor acht Uhr weiter. Erstaunlich problemlos kamen wir durch das Schiffshebewerk und später auch durch Lehnitz. Plötzlich wurden die Gewässer wieder vertrauter und Berlin rückte mit jeder Stunde näher. Noch am selben Abend liefen wir wieder in unseren Heimathafen ein. Hinter uns lagen doch einige gesegelte und noch viel mehr motorte Meilen, Sonne und Regen, Flaute und hefitger Wind, ein gerissener Bowdenzug, ein versenktes Handy und noch viel mehr schöne gemeinsame Erlebnisse. Und genau deshalb lieben wir diese Reisen. Denn wenn am Ende alles genau so läuft, wie man es geplant hat, hat man später schließlich auch viel weniger zu erzählen.
